Ruinengarten

„Dieses Haus hatte den Charme eines verwunschenen Schlosses. Es war nahezu komplett von Efeu, wildem Wein, Glyzinien und Rosen überwachsen. Beim Anblick der romantischen Südfassade war mir sofort klar, dass hier das Potenzial für etwas ganz Besonderes schlummert“, erinnert sich Volker Püschel. Was dem Landschaftsarchitekten vorschwebte, erforderte viel Mut von allen Beteiligten: aus dem alten abbruchreifen Backsteinhaus eine Ruine zu machen, um dieses malerische Bauwerk der Vergänglichkeit dann in einen Hortus conclusus als Teil des parkartigen Gartens zu verwandeln. Anders, schöner – die Präsentation dieses Gartens beinhaltet so vieles. Vor allen Dingen überrascht das Gezeigte wohltuend im entscheidenden ersten Moment, ein Eindruck, der jedem Jurymitglied blieb. Nicht wieder mal nur einen Baum erhalten, ein Haus stehen zu lassen wurde hier zur Kunst. Nicht vorrangig Grün, hier fällt der Kontrast zwischen menschengeschaffener Form und malerischer Bepflanzung unnachahmlich ins Auge. Räume wurden vor langer Zeit gebaut – gleich einem geschickten Innenarchitekt entnimmt Volker Püschel Wände, lässt von Norden her auf breiter Front den benachbarten Garten eindringen, verhüllt nach Süden für weitere Überraschungen. Parallel zu den Grundrichtungen der Ruinenwände verlaufende Achsen kreuzen sich im Zentrum der begehbaren Skulptur. Keine Wegeachse durchquert das ehemalige Gebäude ganz, der Blick jedoch darf wandern. Wie geschieht die Annäherung des Besuchers gekonnt? Ein axial von Norden in die Skulptur führender Weg gehört zum Konzept. Die betagte Rosskastanie steht wie selbstverständlich – doch gewollt, aber dennoch zufällig im Goldenen Schnitt eines kleinen kreisrunden Platzes. Das Gewächshaus, neu errichtet innerhalb der alten Wände, wird zum Treffpunkt von beiderseits der Ruine wohnenden Generationen.

Büro Volker Püschel
40822 Mettmann
Deutschland

Galerie

Eine ungewöhnliche Idee in unserer Zeit, die aber auf eine lange Tradition zurückblickt. Zur Glanzzeit der englischen Gartenkunst im 18. Jahrhunderts war "die Ruine" ein beliebtes Element der Gestaltung, allerdings wurden die Staffagebauten wie Burgruinen oder verfalleneTempel meist detailgetreu und täuschendecht nachgebaut. Als point de vuezogen sie die Blicke auf sich und solltenden Betrachter an die Vergänglichkeiterinnern und in eine romantische Stimmungversetzen. Doch anders als bei den historischen Parkruinen ist hier alles echt! Auf dem großen Grundstück gab es neben zwei Wohnhäusern noch ein drittes, eine alte Backsteinvilla aus den Anfängen des letzten Jahrhunderts, das abgerissen werden sollte. Nach langer Bedenkzeit einigteman sich auf einen Teilabriss. „Die Bauherren haben sich darauf eingelassen. Ich habe das als sehr positiv empfunden, dass sie uns das Vertrauen geschenkt haben“, sagt Volker Püschel. Parallel zum behutsamen Abbruch entwickelte der Landschaftsarchitekt die Idee zu einem "Garten im Haus". Ein geschwungener Weg führt vom heutigen Wohnhaus zum ehemaligen Hauseingang der alten Villa. Man kann den Gartenhof also immer noch durch die alte Haustür betreten, es gibt aber auch weitere Wegeverbindungen dorthin. Von der alten Villa blieben drei Außenwände erhalten. Von der vierten Wand wurde nur soviel entfernt, dass die Statik der anderen Wände gewährleistet war. Die Innenwände befreite man vom lockeren Putz, sodass das Mauerwerk zum Vorschein kam.

Anschließend erhielten die Wandflächen und die Mauerköpfe eine "wasserdichte" Putzschicht. Die entfernte Mauer im Norden wurde durch eine Eibenhecke wieder symbolisch komplettiert. So entstand ein geschlossener Innenhof, ein Hortus conclusus. Durch die vorhandenen Öffnungen im Mauerwerk – im Süden ein Fenster, im Osten eine Tür – ergab sich das Wegekreuz im Zentrum des Innenhofes. Fenster und Türen eröffnen nun immer wieder neue spannende Blicke in weitere Gartenräume. Die Blickachsen werden durch die Plattenwege zusätzlich verstärkt. Von einem kleinen runden Sitzplatz unter einer Kastanie blickt man etwa 50 m weit durch ein geöffnetes Fenster über den formalen Kräuter- und Gemüsegarten bis zum Endpunkt der Blickachse, einem 40 Jahre alten Zwerg- Duftflieder 'Palabin' (Syringa meyeri) mit betörendem Duft. Eine zweite Blickachse führt durch die ehemalige Tür über eine 15 m lange Boulebahn bis zu einer Bank unter einem Rosenbogen. Spaliere aus Duftblüten (Osmanthus), Weinreben, Feigen, Aprikosen, eine Chinesische Handpalme (Chamaerops excelsa) und eine Immergrüne Magnolie (Magnolia grandiflora) fühlen sich zwischen den Mauerresten wohl. Die wärmespeichernden Ziegel schaffen ein für die mediterranen Gewächse günstiges Kleinklima und schützen vor kalten Winden. Highlight ist eine 24 m2 große, beheizbare Orangerie, die sich in Höhe und Form der vorhandenen Restmauer anpasst. Dank des Mutes der Bauherren, sich auf diese ungewöhnliche Idee einzulassen, ist ein ganz besonderer Lebensraum entstanden, den Volker Püschel mit viel Fantasie, Einfühlungsverm.gen und gärtnerischem Geschick gestaltet hat. Das alte Haus wurde so statt Komplettabriss in einer neuen Funktion wiederbelebt. Der große, parkartige Hausgarten mit Koi- Teich, Bienenhaus, Hühnerhof und einem Kinderspielplatz ist nun um eine echte Attraktion reicher: ein Ruinengarten, der eine wahre Geschichte zu erzählen weiß