Der Zaubergarten

Ein verwunschener Garten, darin ein puristischer Betonkubus – stärker könnte der Kontrast kaum sein. Das eingeschossige Wohngebäude aus den 70er-Jahren im Stile der kalifornischen Architektur öffnet sich mit seinen Fensterfronten weit ins Gartengrün. Direkt am Haus liegt die L-förmige, teils gedeckte Terrasse, sodass eine fast hofartige Situation entsteht. Von dort blickt man in den waldartigen Garten, einen Märchenwald mit schönen großen Bäumen und dichtem Unterholz.

Lustenberger Schelling Landschaftsarchitektur
8810 Horgen
Schweiz

Galerie

Prägend sind zwei Schwarzkiefern (Pinus nigra), mächtige Baumgiganten, die das Haus in der Landschaft verankern. Das Verwunschene dieses Gartens sollte in jedem Fall erhalten bleiben – da waren sich die beiden Landschaftsarchitekten Robin Lustenberger und Jan Schelling mit den Bauherren sofort einig. Was fehlte, war die gestaltende Hand. „Hecken, Stauden und große Bäume in fantasievoll geformten Pflanzflächen, kleine Wege und Plätze mit unterschiedlichen Bodenbelägen – wer diesen Garten betritt, soll vom Entdeckergeist übermannt werden“, beschreibt Robin Lustenberger das Ziel der Umgestaltung. Also nahmen sich die beiden Schweizer Planer den stufigen Aufbau eines naturnahen Waldes zum Vorbild, um im Garten für mehr Artenvielfalt zu sorgen – ein ausdrücklicher Wunsch der Auftraggeber. So setzt sich die Bepflanzung aus verschiedenen Schichten zusammen: Auf die bodennahe Schicht folgt eine „krautige“ Zone mit Stauden, an die sich Gehölze und schließlich die beiden Schwarzkiefern anschließen. Große Solitärbäume wie Fächer-Ahorne (Acer palmatum) üben raumbildende Funktion in der Höhe aus und sind in den stufigen Aufbau integriert. Was so selbstverständlich klingt, war keine leichte Aufgabe, denn die Wurzelschutzzone der alten Schwarzkiefern erstreckt sich nahezu über den ganzen Garten. „Wurzeln, die zutage traten, wurden mit einem horizontalen Wurzelteppich gedeckt und über die Bauzeit permanent bewässert. Die Pflanzlöcher mussten zwischen den Wurzeln gegraben und die Sträucher dort eingebettet werden, sodass wir bei der Positionierung nicht frei waren“, berichtet Robin Lustenberger. Doch der Aufwand hat sich gelohnt. Inmitten dieser waldartigen Pflanzenwelt bietet ein externer Sitzplatz nun einen Blick zurück zum Wohngebäude – ein deutlicher Perspektivenwechsel im Vergleich zu den hausnahen Aufenthaltsbereichen. Der Sitzplatz wird von einer rechtwinkligen Balkenkonstruktion definiert, welche die strenge Formensprache des Wohnhauses und des L-förmigen hausnahen Sitzplatzes aufnimmt. „Wir wollten eine klare Raumstruktur bilden. Die Douglasienbalken werden von Säulen getragen und 'starten' aus großen Eiben“, beschreibt Robin Lustenberger die Konstruktion. Die gleiche Balkenkonstruktion befindet sich auch beim Sitzplatz am Haus, dort ist deren Massivität jedoch reduziert. Durch eine geschickte Setzung werden die unterschiedlich großen Balken vom Gebäude aus aber als eine einzige dicke Linie wahrgenommen. Verschiedene Bodenbeläge aus Holz, Stein, Kies und Rasen verleihen dem Garten Tiefe. Die Wege bestehen aus Nagelfluh, ein Konglomeratgestein aus dem Erosionsmaterial der Alpen. „Die Bollen haben wir in Scheiben schneiden lassen. Dieser Hauptbelag zieht sich durch den ganzen Garten und verbindet die Räume miteinander“, erklärt Robin Lustenberger. Objektiv hat sich die frei begehbare Fläche zwar durch die Bepflanzung verkleinert, auf den Betrachter wirkt der Gartenraum jetzt aber großzügiger – ein psychologisches Phänomen. Durch die Bepflanzung und die unterschiedlichen Horizonte wird Spannung aufgebaut, sodass der Raum nicht mehr auf einen Blick überschaubar ist. Das lockt die kindliche Entdeckerfreude, den Garten mit seinen unterschiedlichen Atmosphären zu erleben.