Der richtige Winkel

Der Garten besticht durch sein Wechselspiel zwischen dem strengen, geometrischen des beinahe als “Industrial” zu bezeichnenden Stil des Hauses und dem wogenden, weichen Gräsermeer der Hochbeete. Durch geschickte Farbgebung der Bodenbeläge und der langen Sitzelemente aus Travertin wirkt auch das Wohnhaus heller. Insgesamt ist der Garten elegant, aber freundlich, streng durchkomponiert, aber grosszügig und warm.

Strauchpoeten
10777 Berlin
Deutschland

Wo liegt der Garten? Gibt es typische regionale Merkmale, die der Garten aufgreift?

Der Garten liegt in einer leichten Hanglage am Waldrand. Im Altbaumbestand finden sich einige der für den kargen Berliner Sandboden typischen Kiefern. Ein besonders schönes mehrstämmiges Exemplar steht nahe der Grundstücksgrenze im Vorgarten und sollte unbedingt erhalten werden.

Wie lautete der Auftrag bzw. welche Wünsche hatte der/die Auftraggeber/in?

Die Auftraggeberin hat das Anwesen vor einigen Jahren erworben. Der ursprüngliche Garten war zeitgleich mit dem Haus Ende der 1970er Jahre geplant und Anfang der 1980er Jahre angelegt worden. Über die Jahre sind die Wege und Plätze beschädigt und etwas unansehnlich geworden. Der Vorgarten war darüber hinaus (wie zum Zeitpunkt der Erbauung durchaus üblich) nicht klar vom Fußweg abgegrenzt und bot nicht genügend Parkmöglichkeiten. All dies galt es in einem neuen Entwurf passend zu der eigenständigen, sehr konsequenten Architektur des Hauses zu verbessern. Darüber hinaus sollte die Pflanzung deutlich aufgewertet werden. Die immergrünen Bodendecker und Koniferen sollten fröhlichen und hellen Gräsern und Stauden weichen.

Galerie

Was war Ihr erster Gedanke zu diesem Projekt/ bzw. ihr erster Eindruck vom Garten?

Wir hatten einige Jahre zuvor bei einem der Nachbarn einen Garten-Entwurf präsentiert und waren schon damals von der Villa der jetzigen Auftraggeberin begeistert. Umso mehr freuten wir uns, dass es dann einige Jahre später durch Zufall tatsächlich dazu kam, dass wir diesem besonderen Architektenhaus einen passenden Garten mit den Mitteln der heutigen Zeit zur Seite stellen durften. Der erste Gedanke war von Ehrfurcht über die unglaublich konsequente Linienführung der Architektur erfüllt. Innen- und Außenraum waren gekonnt verbunden. Dies nicht zu zerstören sondern aufzugreifen, war ein ganz selbstverständlicher Gestaltungsansatz für uns. Dabei wollten wir die etwas düster wirkenden Klinker der Fassade und der Mauern mit neuen Materialien umgeben und damit aufhellen und so eine leichtere Atmosphäre erzeugen.

Was sah Ihr Planungskonzept vor? Welche grundlegenden Ideen stecken hinter dem Konzept?

Der Entwurf ging schnell in die Richtung, die Linienführung des Hauses mit ihren wiederkehrenden 45°-Winkeln aufzugreifen. Dieses Gestaltungsmuster transportierten wir in die horizontalen und vertikalen Flächen und Elemente des Gartens. So entstehen diagonale Blickachsen und Bezugslinien, die den Garten größer machen, Nischen zum Sitzen schaffen und Flächen verbinden. Die einzelnen Bereiche sollten sich spannungsvoll abgrenzen und viele Nutzungsmöglichkeiten bieten. Neben den Linien und Winkeln reizte uns das natürlich verwitterte Kupferdach. Unbedingt wollten wir es im Garten als Material und Farbakzent zitieren. Die Wahl eines passenden Bodenbelages war besonders schwierig. Einfache rechtwinklige Platten passten nicht in unser Konzept. Die gewählten Pflasterplatten aus Werksbeton mit ihrer natursteinartigen Maserung und dem eigenwilligen Verlegemuster in verschiedenen Winkeln spielen jedoch hervorragend mit den Linien des Entwurfes zusammen. Ein prägendes Gestaltungselement war gefunden. Durch den beigen Grundton wirken auch die Ziegelmauern des Hauses wärmer, da die Gelbanteile der Fassadenfarbe hervortreten. Die schräg ansteigende Grundstücksfläche und die Bestandsbäume gaben uns die Höhe der Pflanzflächen an vielen Stellen vor. Daraus entwickelte sich die Hochbeetanlage mit Sitzmauern und Stelen. Als Gegenpol musste die Pflanzung einen leichten und wilden Charakter bekommen. Die wiesenartige Rasterpflanzung mit Gräsern und Stauden in einer Mischung aus Kupferfarben, Grün- und Beigetönen nimmt Töne von Haus und Freifläche auf. Sie gibt dem Haus in Kombination mit den grau-hellbeigen Betonplatten und Einfassungen einen freundlichen, fast südländischen Charakter. Die mehrstämmige Waldkiefer wirkt da fast schon wie eine Pinie.

Was haben Sie vor allem verändert? Wie sind Sie vorgegangen?

Im hinteren Garten wurden die hausnahen Terrassen vollständig neu angelegt und auch stark erweitert. Je tiefer der Garten Richtung Wald verläuft, je weniger wurde eingegriffen. Mit seinem Altbaumbestand sollte der hinterste Teil auf Wunsch der Auftraggeber in seinem Zustand weitestgehend belassen bleiben und in den angrenzenden Wald übergehen. Der Vorgarten wurde komplett umgebaut. Alle vorhandenen Beeteinfassungen und Wegebeläge wurden entfernt. Einzig eine Seitenmauer wurde erhalten und der Wurzelschutzraum der Kiefer geschont. Selbst die alte Sockelmauer samt Zaun musste weichen. Die Baumwurzeln hatten sie schon lange zerbrochen. Zum Schutz der Wurzel wurde die neue Sockelmauer an dieser Stelle ausgespart. Als Verblendung und Erdabfang wurde ein flexibel befestigtes Haubenblech eingefügt. So haben die Wurzeln über die nächsten Jahre den nötigen Platz. Nicht nur diese Konstruktion war eine individuell geplante und gefertigte Lösung. Fast alle wichtigen Gestaltungselemente sind hier Sonderfertigungen. Zaun und Tor, Mauern und Stelen, Natursteinbänke, ja selbst das Verlegemuster für die Betonplatten ist von uns entwickelt. Das Design der Betonplatten basiert auf Quadraten, die in verschiedenen Winkel angeschnitten sind. Um eine ruhige Fläche zu erzeugen, kommt es also auf die richtige Anordnung an. Das Tor, der Zaun, die Verkleidungsbleche und alle anderen neuen Metallteile einschließlich des Mülltonnenhäuschens sind mit einer speziellen Pulverbeschichtung versehen, die die Farbigkeit des unterschiedlich verwitterten Kupferdachs aufnimmt. Dazu berieten wir uns lange mit der Pulverbeschichtungsfirma, um dem besonderen Farbverlauf des Daches abzubilden. Der Effekt war auch für uns erstaunlich.

Was macht den Garten jetzt aus? Wie würden Sie die Atmosphäre des Gartens beschreiben? Wie würden Sie ihn charakterisieren?

Der Garten besticht durch sein Wechselspiel zwischen dem strengen, geometrischen des beinahe als “Industrial” zu bezeichnenden Stil des Hauses und dem wogenden, weichen Gräsermeer der Hochbeete. Durch geschickte Farbgebung der Bodenbeläge und der langen Sitzelemente aus Travertin wirkt auch das Wohnhaus heller. Insgesamt ist der Garten elegant, aber freundlich, streng durchkomponiert, aber grosszügig und warm.

Gibt es besondere Pflanzen, die verwendet wurden (Pflanzkonzept)?

Die auf das Farbkonzept und den Standort durchkomponierte Raster-Pflanzung sorgt dafür, dass ganzjährig aus dem Gräsermeer leuchtenden Farbakzente mit der Fassade korrespondieren. Um die gewünschte Höhenstaffelung zu erreichen, wurden allein im Vorgarten fünf verschiedene Gräsersorten zwischen 30 bis 150 cm Wuchshöhe rhythmisch mit ausgewählten Stauden kombiniert. Der Farbraum erstreckt sich von kupferfarben über orange zu weinrot. Beige Gräserbüschel schimmern zwischen satten Grüntönen. Neben Prachtstauden wie Fackellilie und Fritillaria-Arten schaffen Schleierstauden wie Wiesenknopf und zarte Myrtenastern eine sommerliche Wiesenatmosphäre. Natürlich durften Geophyten nicht fehlen. Die Blühfolge beginnt bereits Anfang März mit orangen Krokussen und rostroten Wilstulpen. Neben dem ästhetischen Wert und dem ganzjahrigen Blühverlauf ist die Pflanzung besonders pflegeleicht. Selbst wenn sich Wildkräuter aussamen, stören sie nicht das Bild und sind mit 2 Pflegegängen jährlich gut in den Griff zu bekommen. Einzelne dürfen manchmal auch bleiben, wenn sie dazu passen.

Auf welches Highlight/Detail im eingereichten Projekt sind Sie besonders stolz? Was ist besonders gut gelungen?

Besonders stolz sind wir auf die Mauerelemente, den Zaun und die Briefkastenanlage, welche alle nach unseren Entwürfen individuell konstruiert wurden. So zitiert der Zaun bspw. die Linienführung des Hauses und nimmt farblich das Kupferdach auf. Die in einer sehr neuen und individuellen Technik pulverbeschichteten Metallteile entstanden in enger Kooperation mit der Beschichtungsfirma und nehmen die Optik des über die Jahre verwitterten Kupferbleches auf. Diese Farbgebung findet sich überall - angefangen von den Verblendungen der Mauern und dem Zaun bis hin zum Mülltonnenhäuschen. Daraus ergibt sich ein einmaliger, konsequentes Look und es scheint, als wären auch die neuen Elemente schon immer dagewesen. Die von der GaLaBau-Firma mit großer Liebe zum Detail und fachlich höchstem Können verlegten, mächtigen Wege-Platten wirken sehr elegant und zierlich und folgen genauestens dem von uns eigens erstellten Verlegemuster -fast schon wie Badezimmerfliesen. Schließlich freut uns auch besonders, dass die Betonplatten durch ihren beige-Anteil so perfekt mit den massiven Naturstein-Sitzbänken harmonieren. Es scheint teilweise, als wären sie gar nicht aus Beton sondern selber aus Naturstein. Die Bauherren bestätigen mit großer Freude, dass viele Spaziergänger stehen bleiben und das Blüten- und Gräsermeer bewundern. Wir teilen diese Freude.